Autismus

Autismus

Der Autismus ist im Gegensatz zu vielen anderen Behinderungen erst relativ spät erkannt und diagnostiziert worden und auch bis heute noch nicht in seiner Gesamtheit erforscht.

Erst im Jahre 1943 wurde in einer amerikanischer Fachzeitschrift ein Aufsatz des Kinder- und Jugendpsychiaters Kanner veröffentlicht. Der Titel lautete, ins Deutsche übersetzt: Autistische Störungen des affektiven Kontakts. Darin beschreibt Kanner anhand von 11 Fallgeschichten über Kinder bis zum 11. Lebensjahr die merkwürdigen, schwer verständlichen und irritierenden Symptome des Autismus.

Nach herrschender Auffassung basiert das Autistische Syndrom auf einer Hirnfunktionsstörung, die in Form einer früh beginnenden tiefgreifenden Entwicklungsstörung auftritt. Diese zieht kognitive, emotionale, interaktionale, sprachliche und motorische Funktionsdefizite nach sich.

Die Ursachen des Autistischen Syndroms sind vielfältig. Zur Zeit werden vor allem Therorien diskutiert, die eine hirnorganische, biochemische oder genetische Verursachung annehmen. Psychogene Faktoren werden als Sekundärsymptome, nicht aber als Verursacher angenommen. In der Regel treten Symptome vor dem dritten Lebensjahr auf.

Die schwerwiegenden, umfassenden Entwicklungsstörungen, von denen in der BRD etwa 40.000 Personen betroffen sind (Jungen drei- bis viermal häufiger als Mädchen) beeinträchtigen auch noch im Erwachsenendalter erheblich die soziale Eingliederung.

Beim autistischen Syndrom können eine Vielzahl von Symptomen auftreten. Grund dafür ist eine gestörte Wahrnehmungsverarbeitung. Man kann davon ausgehen, daß Menschen mit autistischem Syndrom Reize aus der Umwelt zwar aufnehmen, aber nicht adäquat verarbeiten können. Sie können die Wirklichkeit, in die sie hineingeboren werden nicht richtig verstehen, so daß sie ihnen als Chaos erscheint.

Folgende Merkmale werden als Hauptmerkmale der autistischen Störung angeführt:

  • massive und anhaltende Beeinträchtigung der sozialen Interaktion.
  • verminderter oder fehlender Kontakt zum Mitmenschen, z.B. durch Ablehnen von Berührungen, Blickabwenden, Vorbei- bzw. Hindurchsehen, sich Zurückziehen und vorwiegendes Zuwenden zu Gegenständen, d.h. zur unbelebten Welt.
  • ausgeprägte Beeinträchtigung im Verständnis und in der Gestaltung sozialer Interaktion; z.B. Nonverbale Verhaltensweisen, wie Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gestik können nicht sozial adäquat angewandt werden.
  • qualitative Beeinträchtigung der verbalen und nonverbalen Kommunikation
  • verzögertes Einsetzen oder völliges Ausbleiben der Entwicklung von gesprochener Sprache, ohne den Versuch zu machen, die Beeinträchtigung durch alternative Kommunikationsformen wie Gestik oder Mimik zu kompensieren.
  • Sprachstörungen wie z.B. Beharren auf Ein- und Zweiwortsätzen, Sprechen von sich selbst in der 2. oder 3. Person, sprachliches Verwechseln von “Du” und “Ich”, Echolalie, d.h. Nachsprechen des Gehörten, Mehrfaches Wiederholen von Worten und Sätzen etc..
  • bei Personen mit Sprechvermögen deutliche Beeinträchtigung der Fähigkeit, ein Gespräch zu beginnen, fortzuführen und zu beenden.
  • Bewältigungsversuche durch Fixierung auf beschränkte repetitive und stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten
  • umfassende Beschäftigung mit einem oder mehreren stereotypen und begrenzten Interessen, wobei Inhalt und Intensitäten abnorm sind.
  • auffällig starres Festhalten an bestimmten, mit den üblichen Normen nicht zu vereinbarenden Gewohnheiten oder Ritualen, die beziehungsbelastend und eingliederungserschwerend sein können.
  • plötzliche Affektausbrüche, Angstzustände, Schrei- oder Wutanfälle, Aggresssionen mit Fremd- oder Selbstbeschädigungen bei Überforderung durch Reizüberflutung oder ohne erkennbaren Anlaß.

Spätestens mit dem Ende der Schulzeit sind die Eltern autistisch behinderter junger Menschen mit dem meist ungelösten Problem der Zukunft ihrer Söhne und Töchter als Erwachsene konfrontiert. Während Nichtbehinderte im Umgang mit anderen Menschen allmählich eine eigene Identität entwickeln, bleiben autistisch Behinderte den Einwirkungen ihrer Umwelt schutzlos ausgeliefert. Sie verstehen die sozialen Vorgänge um sie herum nicht und können neue Situationen nicht verarbeiten.

Häufig haben sie nicht die Möglichkeit, ihre Gefühle zu äußern. Sie sind “gefangen in ihren eigenen Emotionen”. Sie kennen im allgemeinen weder adäquate Ausdrucksformen für Protest/Ablehnung, noch können sie ihre Bedürfnisse verstehbar mitteilen oder Fragen nach ihren Wünschen beantworten. Ängste oder vergangene Kränkungen äußern sich oft zeitlich verzögert, so daß die Ursachen kaum herauszufinden sind.

Menschen mit autistischem Syndrom geraten als Erwachsene noch tiefer als während der Kindheit in Isolation. Als Kinder waren sie in die Familie integriert, die sich um ihre spezifischen Verhaltensweisen, ihre Skurrilitäten, ihren zwanghaften, selbststimulatorischen Handlungssequenzen herum “organisierte”.

Jede andere Lebenssituation außerhalb der Familie (Heim, Werkstatt, Wohnstätte), in der sich die jungen Menschen später orientieren müssen, stellt sie vor komplexe, schwer durchschaubare Situationen. “Herkömmliche” Einrichtungen der Behindertenhilfe -Wohnheime und Werkstätten für Behinderte – sind in der Regel nicht in der Lage und oft auch nicht bereit, Menschen mit autistischer Behinderung aufzunehmen. Um den für autistische Menschen verhängnisvollen Weg in die psychiatrische Großeinrichtung zu vermeiden, sind daher Einrichtungen zum Wohnen und Arbeiten erforderlich, die den speziellen Bedürfnissen von Menschen mit autistischer Behinderung gerecht werden.

Für eine auf die Bedürfnissse dieser Menschen zugeschnittene Einrichtung ist zu beachten, daß das Behinderungsbild einerseits durch die typischen Probleme der meisten autistischen Menschen geprägt ist . Andererseits sind sie sehr unterschiedlich, z.B. im Bezug auf ihr Sozialverhalten, ihre Empfindlichkeiten, ihr Bedürfnis nach Nähe oder Distanz zu ihren Mitmenschen, ihre Vorlieben, Eigenarten und Abneigungen, ihre behinderungsspezifischen Beeinträchtigungen und Zwänge und in Bezug auf ihre Kompetenzen.

Das Zusammenleben der autistisch behinderten Menschen erfordert daher eine sehr sorgfältige und die Individualität der einzelnen respektierenden Betreuung. Der Schlüssel zu einem tragfähigen Miteinander liegt in der Verknüpfung klarer Strukturen für alle mit einer ganz individuell auf die Situation des Einzelnen ausgerichteten Betreuung. Durch eine spezielle Struktur des Heimalltags und der Arbeitssituation soll erreicht werden, daß aggressive, destruktive oder selbstverletzende Handlungen der autistischen Erwachsenen nicht auftreten müssen bzw. durch spezielle Hilfen in ihrer Dramatik abgeschwächt werden.

Wie bereits oben erwähnt können viele Autisten in den bestehenden Einrichtungen der Behindertenhilfe aufgrund ihrer spezifischen Behinderungen nicht integriert werden. Also blieben zum damaligen Zeitpunkt nur die Großpsychiatrien des Landes. Hiermit haben sich die Eltern aber nicht abfinden können, und haben aus diesem Grunde die Initiative ergriffen und so die Grundlagen für die Einrichtung “Haus Bucken” gelegt, die im Rheinland die erste Einrichtung war, die ausschließlich für autistische Erwachsene offenstehen sollte.

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